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NRZ, Oktober 2010
Ernst ist das Leben...

  Maggie (Renate Söhnigen), Bruno (Oliver Priebe) und Hausmeister Herr Daniel (Daniel Marré, vorne) zeigen Schillers Dramen, wie sie garantiert noch nicht zu sehen waren.
Foto: Theater Flingern

Düsseldorf, 26.09.2010, Pirkko Gohlke

Düsseldorf. „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ (Friedrich Schiller). Ein Theater lebt von seiner Atmosphäre. Die ist im kleinen Theater Flin besonders herzlich.

Hier kümmert sich Chef Philipp Kohlen-Priebe in der Pause persönlich um die Gäste und freut sich, dass diese gerade über dem Zitatequiz knobeln. Welche Figur sagte doch „Daran erkenne ich meine Pappenheimer“? Wie sieht es aus mit dem Schiller-Wissen im Land der Dichter und Denker? Das können die Gäste testen. Der Gewinner erhält ... Nein, das wird nicht verraten.

Alle 80 Plätze ausverkauft

Es ist Premierenabend im Theater Flin, alle 80 Plätze des Hauses sind ausverkauft. Zu sehen gibt es: Schiller, mal ganz anders, eben „Schiller - Ganz oder gar nicht“.

Die neue Hausproduktion ist ein Ritt durch die großen und kleinen Werke Friedrich Schillers: Samt Franz Moor, dem Brad Pitt unter den „Räubern“ und seinem „müslifressenden“ Bruder, Landzeitstudent Karl. Dank investigativer Recherche wird im Schiller-Archiv aufgedeckt, dass „Don Carlos“ nicht als Drama sondern als Singspiel konzipiert war. Inklusive „dramatischem Coming out, so wie Schiller es geplant hatte“. Wilhelm Tell schießt auf eine ahnungslose Zuschauerin. Und auch große Frauen, wie Maria Stuart und Johanna von Orleans, dürfen nicht fehlen. 43,6 Stunden Schiller-Werke in 90 Minuten - rasant, brillant.

„Werkstreue“ ist das oberste Gebot von Regisseur Bruno. Der wird verkörpert von Oliver Priebe. Zusammen mit Renate Söhnigen als Schauspielerin Maggie und Flin-Neuzugang Daniel Marré als Hausmeister Herr Daniel bildet er das Flingeraner Hausensemble. Sie überzeugen mit großartigem Timing, auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ (auch von Schiller). Wechseln zwischen den unterschiedlichsten Schiller-Rollen und der Rahmenhandlung: Mal wird es nachdenklich im Wallenstein-Monolog, mal komödiantisch, wenn Priebe als Zofe (“Kabale und die Liebe“) im kurzen Rock staubwedelt. Ein perfekt harmonierendes Ensemble, das auf der kleinen Bühne in Flingern, eine ganz große Leistung abliefert.

„Anschließend haben sie so fundierte Schiller-Kenntnisse“, verspricht Regisseur Bruno. Da könne man auf jeder intellektuellen Tupper-Party mit angeben. Denn an der Ackerstraße wagt man sich auch an die ganz schwierigen Werke, wie etwa an Turandot, das „panasiatische Gesamtspektakel mit realitätsnahen asiatischen Sprachmodus“.

Die Braut von Messina

Da wird extra für „Die Braut von Messina“ der erste Flingeraner Schiller-Chor mit „zwei gleichgeschlechtlichen Tonenklaven“ eingerichtet. So schön hat noch niemand „Rooibosmelissenteebeutelchen“ intoniert. Und das Schiller-Fragment Demitios wird zum Hupkonzert in Polen.

Weitere Vorführungen: 22. und 23. Okt., 26. u. 27. November, 20 Uhr, Theater Flin, Ackerstraße 144. Karten (16,50 Euro): s 679 8871.

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