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Düsseldorfer Anzeiger, 18. November 2009
Stadtgespräch
Zehn Jahre Theater FLINgern - Zu gast bei Freunden

„Liebes Flinteam, am Wochenende waren wir zu ersten Mal bei Ihnen und hatten das Gefühl ... wir besuchen Freunde.“ Solche Eintragungen sind im Gästebuch des Theaters FLINgern ziemlich häufig.

Und beim Blick auf den aktuellen Spielplan fällt vor allem auf: ganz viel ausverkauft. Wir treffen die beiden „Flintendanten“ Oliver Priebe und Philipp Kohlen-Priebe an einem entspannten Freitag Nachmittag. Der Grund: Die beiden sorgen in diesem Monat bereits zehn Jahre für beste Unterhaltung mit ihrem Kleinkunsttheater. Zeit für eine Bestandsaufnahme:



„Wir empfangen Gäste, keine Zuschauer!“ - die FLINtendanten Oliver Priebe (li.) und Philipp Kohlen-Priebe.
Düsseldorfer Anzeiger: Haben Sie vor zehn Jahren bei den Düsseldorfern einen Nerv getroffen?
Kohlen-Priebe: „Vor 1999 war die freie Theaterszene in Düsseldorf sehr quirlig. Als dann das Forum Freies Theater gegründet wurde, blieben viele Gruppen auf der Strecke, weil sie kein avantgardistisches Theater machten.“

Düsseldorfer Anzeiger: Also eine Initialzündung für Sie?
Kohlen-Priebe: „Ja, daraus ist viel entstanden: Meurer und Wanske in der Luegallee, das Haus der Freude, das Glorreich. Und unser Kleinkunsttheater war etwas völlig Neues - und dazu auch noch in Flingern. Das passte!“

Düsseldorfer Anzeiger: Haben Sie zu Beginn viel experimentiert oder hatten Sie gleich das richtige Näschen für das, was das Publikum sehen möchte?
Kohlen-Priebe: „Egal was und wer auf der Bühne ist - wir sind ehrlich. Und mit ‘Klassik meets Comedy’ kommen wir an. Das war eine großartige Idee.“
Priebe: „Die Leute wollen Spaß haben, sind aber bereit, sich mit Anspruchsvollem auseinanderzusetzen. Es muss nur bodenständig sein. Theater wird für Publikum gemacht. Und je mehr ich höre, was die Leute mögen, desto mehr kann ich auf ihre Bedürfnisse eingehen.“
Kohlen-Priebe: Über 40 ausverkaufte Folgen von ‘Fast Faust’ in Folge geben uns da recht.“

Düsseldorfer Anzeiger: „Solche Eigenproduktionen sind bei Ihnen längst fester Bestandteil des Spielplans. „Fast Faust - oder des Pudels Kern“ hat sich zur Kultkomödie entwickelt. 2010 gibt’s die Tramödie „Hamlet - oder es ist etwas faul in FLINgern“. Klingt nach schön respektlosem Umgang mit den guten alten Klassikern. Holen Sie damit Leute ab, die sich gar nicht erst ins Schauspielhaus trauen würden?“
Beide: „Aber unbedingt!“
Kohlen-Priebe: „Da kommen viele, die sich den ‘Faust’ nie anschauen würden. Es waren Schüler vom Stück so begeistert, dass sie einen Besuch bei uns mit der ganzen Klasse organisiert haben. Und das, obwohl wir in 90 Minuten rund 80 Prozent reinen Goethe-Text präsentieren. (lacht) Wir haben hier in Flingern dafür gesorgt, dass Menschen nun mit ein paar Faust-Zitaten auftrumpfen können.“
Priebe: „Und zum Jubiläum haben wir ‘Fast Faust’ noch einmal neu inszeniert.“

Düsseldorfer Anzeiger: Sie sagen, Sie wollen keine Zuschauer, sondern Sie empfangen Gäste in behaglicher, familiärer Atmosphäre. Klingt nach vielen Stammgästen...
Priebe: „Ich habe es schon häufiger erlebt, dass Leute abends vor mir stehen und fragen: Was soll ich mir als nächstes anschauen? Oder sie kommen einfach abends zu uns und fragen: Was gibt es denn heute? Da ist schon ein sehr großes Vertrauen.“
Kohlen-Priebe: „Dazu kommt: Wir begrüßen die Leute persönlich und ich verabschiede sie zuletzt auch. Ich traue mir mittlerweile zu, an den Gesichtern zu erkennen, ob etwas Mittelmaß war oder toll. Wir haben schon ein hohes Maß an Stammgästen.“

Düsseldorfer Anzeiger: Aber dann müssen Sie auch sehr viel Abwechslung bieten?
Kohlen-Priebe: „Absolut. Die Erwartungshaltung wird immer größer.“

Düsseldorfer Anzeiger: Klingt nach Kraftakt...
Kohlen-Priebe: „Es wird immer schwieriger, Neues zu finden, das unseren Ansprüchen genügt. Wir fühlen uns sonst nicht wohl.“
Priebe: „Der Aufwand ist enorm. Freizeit bleibt da kaum, freundschaftliche Kontakte zu pflegen ist schwierig. Dafür sind wir immer wieder in kreativen Phasen und wir werden täglich geerdet. Denn auch das Gläser spülen gehört für uns dazu.“
Kohlen-Priebe: „Deshalb sind wir sehr froh, dass der Verein Neue Bühne Düsseldorf uns immer wieder mit viel ehrenamtlichem Engagement unterstützt.“

Düsseldorfer Anzeiger: Sie beide haben ihren Theatertraum umgesetzt. Haben Sie jetzt ausgeträumt?
(Beide lachen).
Priebe: „Ganz bestimmt nicht.“
Kohlen-Priebe: „Wenn man keine Träume mehr hat, sollte schon einmal testen, ob einem die Stiefmütterchenwurzeln schmecken.“


von Yvonne Hofer


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